Rückblick: Jüdisches Leben im Elsass
Jüdisches Leben im Elsass - woher, wohin?
Die von Iras Cotis und der Paulus-Akademie Zürich organisierte Themenreise entfaltete die noch greifbare und ergreifende wechselvolle Geschichte jüdischer Kultur und Religion im Elsass.
Reisen als Erinnerung
Der Chauffeur zählte 37. Jeder sollte schauen, ob sein Platznachbar zugegen war. 'Fehlt jemand? Oder sind wir jemanden mehr?' Bereits verliess der Car wieder die Raststätte und fuhr weiter ins nebelverhangene Oberrheinische.
Die Geschichte des jüdischen Elsass ist auch jene von Ralph Weill, dessen Mutter aus dem Oberelsass und Vater aus dem Unterelsass stammte. "Elsässer vortreten!", hiess es, als dieser 1939 als französischer Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet, "Ihr könnt heimgehen... mais pas les juifs!" Aus der Normandie, wo er zur Strafarbeit bei Bauern war, gelangte ihm die Flucht nach Vichy, schliesslich landete er in Basel.
Und wenn wir weiter zurückgehen - wo liegt der Ursprung des elsässer Judentums? Begann es beim Wort, den biblischen Erzählungen? Oder mit dem Shabbath, dem Tempel, dem Wein? Damit könnten wir mit Ralph Weill den Fokus auf den Weinbau entlang der warmen Flusstäler richten, wo Juden womöglich bereits zur Römerzeit koscheren Wein kelterten - wie später Raschi aus Troyes (1040–1105). Oder knüpfen wir mit Jean-Pierre Lambert in den deutschen Städten Speyer, Trier, Worms und den ab 1150 in Strasbourg nachgewiesenen ersten jüdischen Gemeinden an?
Das Musée Judéo-Alsacien
Als erste Wegmarke besuchten wir die Synagoge von Bouxwiller, Mitte des 19. Jht.s im Vorgarten eines Privaten erbaut als eine der damals 145 elsässer Synagogen. Heute ist sie als Musée Judéo-Alsacien wiederzufinden, "wichtig, aber im Niemandsland" wie Weill einen englischen Besucher zitierte. Der Vater und Architekt des Musée, Gilbert Weill, übrigens auch einer der Initianten des 'Europäischen Tags der jüdischen Kultur', öffnete uns schweigend die Tür und entliess uns damit - geführt in 2 Gruppen - auf den verschlungenen, oft dunklen, manchmal hellen und ungemein detailreichen Weg des elsässischen Judentums.
Ab dem 13. Jahrhundert war es den Juden nicht mehr erlaubt, Grund und Boden zu besitzen, womit auch der Weinbau aufgegeben werden musste. Übrig blieben der Trödel, Geldverleih, die Armee. Gebraucht wurden die Juden schon - wie auch verfolgt. Man war sich Nachbar und Fremder zugleich. 1349 dann war kein Progrom, sondern ein behördlicher Beschluss, alle Juden zu töten. Man schob ihnen die Schuld an der grossen Pest zu, sie hätten Brunnen vergiftet. Viele wurden verbrannt - in den Städten Strasbourg und Colmar lebten keine Juden mehr. Am Spalentor hängt noch heute die Tafel, die vermerkt, was es ihnen an Zoll kostete, nur hineinzugelangen. In den folgenden Jahrhunderten spielte sich das verbliebene jüdische Leben auf dem Land ab.
Erst mit der französischen Revolution wurden sie - primär nicht mehr als gesondertes Volk, sondern als religiöse Minderheit angesehen - gleichberechtigte Citoyens. Erst dann durften die Synagogen als sakrale Gebäude öffentlich sichtbar sein - so wartet denn der Bouxwiller Bau auch mit kleinem Glockenspiel und Uhr auf.
Im "Vieux Soufflet" spiesen wir, inmitten der sonntäglich Dorfgesellschaft. Tischgespräche: Von Ägypten bis zum Gebot der Nächstenliebe. Ralph Weill übersetzte es mit: Liebe deinen nächsten, er ist wie du.
Strasbourg
Die Stadtführung von Lambert durch Strasbourg begann am Quai Kleber mit einem Blick ins Leere: Den Ort, wo 1896 Ludwig Levy die Alte Synagoge erbaute, bewusst als Wahrzeichen für die jüdische Minderheit, jedoch stark der drei Jahre vorher fertiggestellten nahen neuromanischen Kirche nachempfunden - abgesehen von der Kuppel. 1940 wurde die Synagoge von Antisemiten angezündet.
Nach der Shoa kehrte das jüdische Leben in die Städte zurück, nicht mehr aufs Land. In den 60ern kamen viele saphardische Juden aus dem kolonialisierten Maghreb - die hübschen Mädchen an der École Aquiba scheinen legendär zu sein und deren Erinnerung etwas vom neuen Aufbruch der Zeit zu zeigen. Es folgte der Gang an blühenden Fosizien und viel Architekturgeschichte vorbei, illustriert an Renaissance-Palästen, Jugendstilhäusern, Fachwerk, Kaiser-Wilhelm II.-Bauten. In den Strassen auffallend viele orthodoxe Juden in traditioneller Kleidung. Um die Ecke dann die Synagogue de la Paix, 1958 anstelle der zerstörten alten Synagoge errichtet, mit 2000 Plätzen, Kinderschule, Laientheater und Restaurant. Neben einer riesigen Menora hängt ein Banner mit den Fotos von Íngrid Betancourt und Gilad Schalit an der Aussenwand, die Tricolore steht bei. Wegen den Sicherheitsmassnahmen mieden wir den Besuch.
"Ich traue Bildern und Skulpturen mehr als schriftlichen Quellen", so Lambert vor dem Münster, "die Steine sprechen." Bekannt sind die Frauengestalten 'Ecclesia' und 'Synagoge' am Südportal des Münsters, letztere mit verbundenen Augen, etwas weniger vielleicht die Szene am Hauptportal, wo ein Jude Christus den Dornenkranz aufsetzt und der andere ihn hält. Als Heiden galten die Juden den Christen im Mittelalter nicht - allenfalls waren das die Muslime. Auch später nicht, viel schlimmer: Wenn schon waren es blinde Geschwister, Christusmörder. Vom Münsterturm ertönten dunkle Glockenschläge; drinnen war Gottesdienst: "Das ist die Wandlung", sagte einer.
Nach einem Blick in die Mikwe, seit 600 Jahren 'ausser Betrieb', tauchten wir ab in die 'ambiance piano' der Brastoria La Bourse. Und während die Brettchen der Tartes flambées sich stapelten und der Vin d'Alcace floss, zeigten sich noch einmal die zwei verschiedenen jüdischen Lebensentwürfe: Hier der praktizierende ("protestantisch im Denken, katholisch im Gottesdienst") Weill, da der säkuläre Lambert. Hier das Wort, das der Erfüllung harrt, da das Bild des Vergangenen. Einig waren sich beide darin, dass der Antisemitismus kein Identifikationsmerkmal sein sollte.
Am nächsten Morgen ging's frisch gestärkt durch die Petite France ("heute das kleine Deutschland") und nochmals ins Münster. Im Car passierten wir das Euroapaviertel mit dem European Center, dem Europäischer Gerichtshof, dem Menschenrechtsrat. Was hängen blieb an den grossen Fensterfronten: Diese Fragilität des Minderheitenschutzes, jenseits von Nationen.
Die Menorot der Schlafstädte
Durch die doppelte Stadtmauer betraten wir Oberenai, einst Reichsstadt, heute ein malerisches Kleinstädtchen. Die Biscuiterie zog manche ob des dichten Reiseprogramms zwar in eine kurze, aber umso süssere Gegenwart - der Rat des Ältesten (Nougat-Torte) zahlte sich zuhause aus.
Die Synagoge, wiederum aus der Blütezeit des elässischen Judentums Ende 19. Jahrhunderts, wurde ebenfalls wie eine neuromanische Kirche konzipiert, der Vorbeter sprach vorne (nicht mehr in der Mitte), auch die Orgel fehlte nicht. Auf der Ballustrade sassen die Frauen. Einerseits zeigt der Bau, wie bemüht man war, sich entsprechend der Mehrheitsgesellschaft zu präsentieren. Andererseits gab es in der Gegend kaum Synagogenachitektur, auf die man sich berufen konnte.
Es folgte der Einzug in die Halle aux blés, reich dekoriert, mit Gewürztraminer, Ansprachen, französischer Küche und deutschen Portionen - ausser bei der Ile flottante, die sang- und klanglos im Plastikbecher unterging. Aber das störte bei der allgemeinen Klimaerwärmung niemanden mehr im Saal - die Gespräche im Nachklang ans bisher Erfahrene wurden ganz einfach zu interessant.
Die letzte Station lag in der 'Schlafstadt' Benfeld. 1876 platzte die Synagoge aus allen Nähten und wurde innert Jahresfrist erweitert. Mit den später gemalten maurischen Fresken ist ihr Stilmix viel eigener, und verwirrend schön. Nach dem 2. Weltkrieg gab der Gemeindepräsident dem Rabbiner den Schlüssel zurück. Den Deutschen hatte er angegeben, sie als Gemeindesaal zu nutzen. Hier hatte Lambert geheiratet, wie auch seine Tochter - seine Mutter ist eine der beiden Frauen, die sie noch nutzen.
Auch diese Synagoge ist ein Denkmal geworden. Lebendig blieb allein ihr Innerstes, ihre Verheissung, die noch ganz da ist im Toraschrein, in den der Schriftrollen, sorgfältig von den Mappes umwickelt, auf der Beschneidungsbank, im Jichud-Raum. Jemand bemerkte, dass die Menorot in den besichtigten Synagogen nie sieben Arme zählten. "Die Synagoge ist nicht Gottes Wohnung", so Weill, "sie ist nicht der Jerusalemer Tempel, wie er am Ende der Zeit wieder aufgebaut werden soll."
Und die Zukunft?
Was bringt die Zukunft? Wohin führt der Weg zwischen soziogeografischen Gegebenheiten und messianischer Hoffnung? Zwischen der Erinnerung vergehender Traditionen und der Hoffnung auf ein neues Jerusalem?
"Wir brauchen die Geschichte für die Zukunft", sagte Lambert abschliessend, "ich hoffe, es gebe Frieden." Der letzte Satz blieb seltsam fremd. War er auf die elsässische Vergangenheit bezogen oder auf die Gegenwart? Und bei letzterem: Auf wessen?
Während wir dösten, dem abendlichen Pendlerverkehr aus Basel entgegen, erklärte es uns Ralph Weill mit dem Hinweis: "Seht ihr den Regenbogen?" Doppelt, dreifach, spannte er sich übers Land.
Bericht: Simon Gaus, Bilder: Johannes Knoblauch, Simon Gaus
