Religiöse Minderheiten in der Türkei
Rückblick auf die zweiwöchige Rundreise durch Ostanatolien (Tunceli / Dersim), 13. – 27. Juni 2011
Alevitentum im kurdischen Bergland. Koexistenz mit dem sunnitischen Islam, armenische Christen. In der Ausschreibung der Reise wurden u.a. diese Stichworte genannt. Besonders angesprochen und zum Mitkommen eingeladen wurden Personen, die sich für Religionen, Geschichte, Kultur und Politik interessieren. Und die Teilhabe am dörflich-sozialen Leben wurde im Satz zusammengefasst „Wer Begegnungen und Gastfreundschaft liebt, ist hier richtig!“ Die kleine Reisegruppe wurde angeleitet von Cihan und Antje Minkner Kanas aus Basel. Cihan ist Alevit und in der Region Tunceli / Dersim aufgewachsen.
Wie beginnen, wo ansetzen? Von Zürich-Kloten aus reisten wir über Istanbul nach Elazig, einer Stadt mit rund 320 000 Einwohnern. Kadir, der Chauffeur, brachte unsere Gruppe im Kleinbus vom lokalen Flughafen nach Tunceli, der Hauptstadt der gleichnamigen türkischen Provinz. Was gleich bei Ankunft auffällt: Frauen tragen kaum ein Kopftuch oder eine Verschleierung. Hier sind die Aleviten, anders als in andern Regionen des muslimisch geprägten Landes, in der Überzahl. Nachfolgend stelle ich ein paar persönliche Eindrücke der zweiwöchigen Reise unter die entsprechenden Stichworte.
Aleviten
Ostanatolien ist das Kernland dieser eigenständigen Religionsgemeinschaft. Es gibt kurdische wie türkische Aleviten. Für Aleviten zeigt sich Gott im Menschen wie in der Natur (Gott zeigt sich in allem). Insbesondere gelten Quellen, Wasserläufe und einzelne Berge als heilig. Angehörige der Gemeinschaft treffen sich in „Cem Evis“, das sind Gebetshäuser, wo miteinander gegessen und gesungen wird. Schriftliche Überlieferungen sind kaum verfügbar. Einzelne betrachten Aleviten als abtrünnige Muslime. Das ist jedoch unverständlich, halten sich Aleviten doch nicht an die fünf Säulen (Glaubenssätze) des Islams. Zudem glauben Aleviten an die Wiedergeburt. Mehr dazu unter http://www.iabf.ch/t/index.php/almanca-alevilik und http://www.inforel.ch/i110.html.
Politik
Das ist ein schmerzliches Kapitel. Aleviten wurden in der Türkei von alters her verfolgt, auch heute noch werden sie von der Staatsgewalt misstrauisch beobachtet. Zusammen mit den Armeniern wurden sie 1915 und vor dem Zweiten Weltkrieg aus ihren Gebieten verjagt und zu Tausenden massakriert. Heute sind die Benachteiligungen subtiler, doch klar ist, wer hier das Sagen hat: Eindrücklich sind die nachts beleuchteten Militäranlagen in der Provinz Tunceli, die auf Dutzenden von Bergen für „Sicherheit“ sorgen. In der Schweiz leben rund 40‘000 Aleviten, viele von ihnen sind als Flüchtlinge anerkannt worden.
Natur
Die besuchten Gebiete sind schwach besiedelt, trocken und landwirtschaftlich nur wenig genutzt. Das heisst, das Land ist weit, unberührt und mit wenigen, kaum befahrenen Naturstrassen erschlossen. Auf den Munzur-Bergen, zum Teil über 3‘000 m hoch, liegt Mitte Juni noch Schnee. Mehrere, von der ansässigen Bevölkerung abgelehnte Staudämme sind bereits gebaut oder in Planung. Eindrücklich sind die zahlreichen Quellen, die als „heilige Orte“ verehrt und von Familien als ideale Picknickplätze besucht werden.
Gastfreundschaft
Die Menschen sind freundlich und Fremden gegenüber zugänglich. Wie sind wir verwöhnt worden! Wo wir als Gruppe vorbeikamen, wurden wir spontan zu einem traditionellen Tee eingeladen. Ein Bürgermeister lud uns zum Frühstück, ein anderer zum Mittagessen ein. Gurken und Tomaten, Honig- und Wassermelonen, Käse und Yoghurt in allen Formen. Dazu werden frische Kräuter wie Rucola, Petersilie oder rotes Basilikum gereicht. Dank nahen Bächen und Flüssen gab es immer wieder auch Forellen.
Diese religiös-politisch-kulturelle Reise war für mich sehr eindrücklich. Ich danke Cihan und Antje im Namen der Gruppe für ihre grosse Arbeit und ihre Freundschaft.
Achtung: Bei genügend Interesse wird die Reise wiederholt!
Heinz Haab, 4. Juli 2011
Bilder: Antje Minkner, Christine Haab
